Helsing-Chef Gundbert Scherf, dessen Rüstungs-Start-Up derzeit mit 18 Mrd. Euro bewertet wird, hat kürzlich gesagt, Menschen würden dazu neigen, die Zukunft aus der Perspektive der Gegenwart zu betrachten, deshalb lägen sie so oft falsch. Was sehen Sie, wenn Sie an die Zukunft der Branche und der XPONENTIAL Europe denken?
Malte Seifert:
Ich bin zunächst einmal froh, dass wir in Deutschland und Europa eine wirklich starke Basis an Start-ups und milliardenschweren High-Tech-Unternehmen haben, wie beispielsweise Helsing, Quantum Systems und Germandrones. Sie zeigen, dass Deutschland als Technologiestandort entgegen aller liturgischen Abgesänge international zur Spitzengruppe in Forschung und Entwicklung zählt. Und natürlich haben wir Schwergewichte wie Rheinmetall und KNDS. Beide sind auf der XPONENTIAL Europe präsent und zeigen ein umfassendes Portfolio unbemannter Systeme.
Auch im zivilen Bereich verfügen wir über Cluster in der autonomen Mobilität, im Einsatz autonomer Systeme oder im New Space, die international zu den First Movern zählen. Gleiches gilt für eine Reihe deutscher KI-Start-ups. Wir sollten es uns in Deutschland etwas abgewöhnen, den Technologie- und Innovationsstandort regelmäßig schlechter zu reden als er in Wirklichkeit ist. Die Welt beneidet uns in vielen Bereichen um F&E-Leistungen und Institutionen wie die RWTH Aachen, das DLR, die Fraunhofer Institute und das Entwicklungszentrum für Schiffstechnik und Transportsysteme (DST). Diese breite Ausrichtung ist auch die Basis der XPONENTIAL Europe.
Im Maßstab globaler Entwicklungen kommt noch eine weitaus größere Dimension dazu, wenn wir an die US-Tech-Giganten denken.
Malte Seifert:
Ja, globale Tech-Konzerne wie SpaceX, Google, Microsoft und Amazon investieren massiv. Sie sind weltweit Treiber der Disruption – im New Space, in der Mobilität, in der Logistik. Die Börse zeigt, welche enormen Kräfte hier freigesetzt werden. Sie wirken wie Teilchenbeschleuniger. Technologie, Kapital und Visionen kommen hier zusammen.
Tritt man einen Schritt zurück, zeigt sich das große Bild: Autonome Systeme werden unserem Leben in Zukunft ein völlig neues Gesicht geben. So viel ist bereits heute zu erkennen: Bis zu einer halben Milliarde Pakete will Amazon Prime Air in den kommenden drei Jahren per Drohne zustellen. Mehr als 320 Millionen Kilometer haben Waymo-Robotaxis bislang in San Francisco größtenteils problemlos und unfallfrei zurückgelegt. Und wir haben Seehäfen wie in Singapur, deren gesamte Logistikketten inzwischen von Künstlicher Intelligenz und autonomen Fahrzeugen gesteuert werden.
Ich bin stolz darauf, dass Unternehmen wie Amazon und Zulieferer der genannten Projekte auf der XPONENTIAL Europe und in unseren Messebeiräten vertreten sind und uns bei der Weiterentwicklung der Messe begleiten.
Eine „Zeitenwende“ markiert die XPONENTIAL Europe auch in anderer Hinsicht. Bislang waren Rüstungsmessen in Deutschland tabu. Das hat sich seit Beginn des russischen Angriffskriegs geändert. Wie geht die Messe Düsseldorf damit um?
Malte Seifert:
Zunächst ist festzustellen: Die XPONENTIAL Europe war und ist keine Rüstungsmesse. Wir haben die Veranstaltung von Beginn an als Technologieplattform positioniert: Im ersten Jahr mit dem Ziel, uns vom Profil einer Drohnenmesse zu einer Messe für autonome Mobilität und Systeme zu entwickeln; im zweiten Jahr mit dem Ziel, die Anwendungsfälle Verteidigung und der Schutz kritischer Infrastruktur im Kontext von Dual-Use-Technologien darzustellen und einzuordnen. Das ist ein enormer Spagat. Denn neben Verteidigung und Perimeterschutz verzeichnen wir die größten Besuchergruppen aus den Anwendungsbereichen Land- und Forstwirtschaft, Logistik und Transport sowie der Mobilität zu Wasser, zu Lande und in der Luft.
In dieser austarierten Form zählt die XPONENTIAL Europe nach nur zwei Veranstaltungen zum Kreis der weltweit führenden Messen dieser Industrie. Diese Balance zu halten, ist ganz wichtig für die weitere Entwicklung der Messe. Ich bin froh, dass uns die Zeit gegeben wird, dieser Dynamik gezielt und mit Fingerspitzengefühl den richtigen Rahmen zu geben. Nur so ist ein nachhaltiges Wachstum möglich.