Drohnen gegen Waldbrände
Interview mit Dr. Gerald Wissel von UAV DACH
Wald- und Vegetationsbrände sind in Regionen mit heißen Sommern und geringen Niederschlagsmengen zunächst einmal nichts Ungewöhnliches. Doch Häufigkeit und Intensität haben in den vergangenen Jahren zugenommen. Kein Zufall. Während der Klimawandel Risikofaktoren wie Hitze und Trockenheit verstärkt, tun extensive Forstwirtschaft – Stichworte Monokulturen sowie fehlende Schutzschneisen – und fehlende Sicherheitsmechanismen ihr Übriges. Um dieser Entwicklung etwas entgegenzusetzen, müssen Prävention und Bekämpfung neu gedacht werden. Eine zentrale Rolle sollten dabei unbemannte Systeme spielen, findet Dr. Gerald Wissel, Vorsitzender des Vorstands von UAV DACH – European Association for Unmanned Aviation.
Wenn unbemannte Systeme effizient zur Bekämpfung von Waldbränden eingesetzt werden können, warum passiert das dann nicht längst?
Bei Polizei und Rettungsdiensten, im Katastrophenschutz und bei den Feuerwehren kommen Drohnen bereits jetzt vielfach zum Einsatz. Auch bei der Bekämpfung der aktuellen Waldbrände. Vor allem, um eine bessere Übersicht zu gewinnen, Einsätze zu koordinieren oder vermisste, verletzte beziehungsweise gefährdete Personen schnellstmöglich zu finden. Derzeit laufen zudem unterschiedliche Forschungs- und Pilotprojekte, um UxS bei Naturkatastrophen und Einsatzlagen noch effizienter einzusetzen. Denn wie bei jedem anderen Einsatzmittel kommt es eben darauf an, unbemannte Systeme bestmöglich in Rettungsketten und Einsatzkonzepte zu integrieren. Und nicht nach ganz neuen Strukturen und Prozessen zu suchen. Hier müssen wir alle gemeinsam umdenken, um unbemannte Systeme für unsere Gesellschaft so gewinnbringend wie möglich zu nutzen.
Was meinen Sie mit umdenken?
Auf der einen Seite sind unbemannte Systeme – egal ob in der Luft, auf dem Boden oder im Wasser – in erster Linie Hilfsmittel, die sinnvoll eingesetzt werden wollen. Auf der anderen Seite müssen wir uns angesichts der zunehmenden Herausforderungen durch Naturkatastrophen wie Wald- und Vegetationsbrände, Starkregenereignisse, Stürme oder Überschwemmungen klar machen, dass der Klimawandel uns dazu zwingt, uns im Bereich des Bevölkerungsschutzes und der Katastrophenhilfe neu aufzustellen. Und das fängt ausdrücklich bei Prävention und vorausschauenden Schutzmaßnahmen an. Von nachhaltigen Technologien und europäischer Resilienz in entscheidenden Zukunftstechnologien ganz zu schweigen.
Wie könnten Drohnen denn ganz konkret eingesetzt werden, um beispielsweise Waldbrände zu verhindern?
Man wird Brände vermutlich auch mit unbemannten Systemen nie vollständig verhindern können. Aber wie bei jedem Feuer ist es auch bei Waldbränden wichtig, so früh und präzise wie möglich zu wissen, dass es sie gibt, wo sie ausgebrochen sind, in welche Richtung und mit welcher Geschwindigkeit sie sich ausbreiten und wie man eine weitere Ausbreitung eindämmen oder den Brand zumindest kontrollieren kann. Hier können beispielsweise regelmäßige Patrouillenflüge über besonders gefährdeten Gebieten helfen, potenzielle Brandnester mithilfe von Thermalkameras frühzeitig zu erkennen. Das ist übrigens keine neue Erkenntnis. Schon 2019 hat das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt in einem Projekt namens Heimdal demonstriert, wie mit optischen Kameras und Wärmebildsensoren ausgestattete Drohnen bereits kleinflächige Waldbrand-Hotspots erfassen können. Und die Technik ist seither sicher nicht schlechter geworden.
Aber das Sammeln von Daten alleine reicht ja nicht aus, um Brände zu verhindern oder zumindest so früh wie möglich zu entdecken.
Richtig. Die von unbemannten Systemen gesammelten Bilddaten können vom Personal in der Leitstelle oder mithilfe von KI-Tools auf Auffälligkeiten hin gescannt werden. Eine andere Möglichkeit wäre, Drohnen dezentral in Hangars zu stationieren und bei Verdachtsfällen – zum Beispiel wenn zuvor in Wäldern angebrachte Sensoren auffällige Veränderungen des Gasgemisches in der Luft erkannt haben oder andere Alarmmeldungen eingegangen sind – vollautomatisch an potenzielle Einsatzorte zu schicken. Auf Basis der gewonnenen Informationen kann in den zuständigen Leitstellen schnell, zielgerichtet und strukturiert reagiert werden. Und das sieben Tage die Woche, rund um die Uhr. Und im Grunde überall dort, wo es sinnvoll erscheint. Außerhalb der Waldbrandaison können die Drohnen zudem für andere Zwecke eingesetzt oder an anderen Orten positioniert werden.
Wenn trotz aller Präventionsmaßnahmen dann doch mal ein Feuer ausgebrochen ist, wie können Drohnen bei der aktiven Bekämpfung helfen? Können unbemannte Systeme auch Brände löschen?
Grundsätzlich ist das natürlich möglich. Vor allem, wenn wir an unbemannte Bodenfahrzeuge denken. Bei der XPONENTIAL Europe in diesem Jahr hat zum Beispiel Alpha Robotics aus Vechta entsprechende Systeme gezeigt. Und auch Unmanned Aerial Systems eröffnen zusätzliche Optionen für Löscharbeiten. Denn genau wie mit Drohnen Fassaden gereinigt werden können, lässt sich auch Wasser ausbringen, um Flammen zu bekämpfen. Beispielsweise bei Bränden in Hochhäusern, Baumkronen oder anderen schwer zugänglichen Bereichen. Doch bei gigantischen Feuern wie den aktuellen Waldbränden werden so große Mengen an Löschmitteln benötigt, dass bemannte Helikopter oder Löschflugzeuge deutlich effizienter sind. Noch. Denn über kurz oder lang wird es sicher auch unbemannte Systeme mit entsprechender Tragfähigkeit geben, die die erforderlichen Zulassungen erhalten und die Aufgaben bemannter Fluggeräte übernehmen können. Zudem gibt es Ideen, UAS-Schwärme gegen größere Brände einzusetzen. Im Grunde wie bei einer Eimerkette, wenn viele kleine Wassermengen einen großen Schlauch ersetzen sollen. Wenn damit auch nur die weitere Ausbreitung von Bränden verlangsamt oder eine sichere Schutzzone für Einsatzkräfte und Zivilbevölkerung verteidigt wird, wäre ja schon viel gewonnen.
Sicherheit und Schutz sind gute Stichwörter. Denn neben den ökologischen Folgen sind Großfeuer ja nicht zuletzt lebensgefährlich. Sowohl für Rettungskräfte als auch für die Zivilbevölkerung.
Genau. Es müssen nicht unbedingt direkte Löscharbeiten sein, die unbemannte Systeme übernehmen könnten. Neben der bereits angesprochenen Prävention sind es vor allem Fragen der Einsatzkoordinierung und -planung, die mit UxS besser und zuverlässiger beantwortet werden können. Wenn ich weiß, welche Wege noch befahrbar sind, lassen sich Menschen leichter aus Gefahrengebieten evakuieren und Rettungskräfte an den Ort des Geschehens lotsen. Der sich bei wechselnden Winden ja auch schnell verändern kann. Wenn ich weiß, wie viele Einsatzkräfte und welche Ausrüstung an einer bestimmten Stelle benötigt werden, kann ich die verfügbaren Ressourcen bestmöglich einsetzen. Wenn – wie beispielsweise in Teilen Brandenburgs – Waldgebiete auf einstigen Truppenübungsplätzen durch Munitionsreste kontaminiert sind, können unbemannte Bodenfahrzeuge und fliegende Drohnen in Areale vordringen, die für Menschen zu gefährlich sind. Bei der Nachschubversorgung und beim Transport von Verletzten lassen sich solche Systeme ebenfalls hervorragend einsetzen.
Klingt danach, als wären unbemannte Systeme die Lösung für fast alle Probleme.
Das wäre vielleicht etwas zu viel verlangt. Doch man sollte sich einfach vor Augen führen, dass Drohnen tatsächlich enorme Möglichkeiten eröffnen. Die Systeme selbst sind dabei tatsächlich eher Mittel zum Zweck. Denn erst dann, wenn UxS sinnvoll in Prozessketten integriert werden, sind sie tatsächlich eine Hilfe. Wenn beispielsweise Brände scheinbar gelöscht sind, schwelen sie zum Teil noch unter der Oberfläche weiter und frischt der Wind dann wieder auf, wird die Glut erneut angefacht. Aus der Vogelperspektive lassen sich thermische Auffälligkeiten sehr präzise und georeferenziert lokalisieren. Und es ist mit UAS auch noch schnell und günstig erledigt. Doch die Erkenntnis ist das eine, eine positive Folgehandlung das andere. Erst dann, wenn am Ende Feuerwehrkräfte oder unbemannte Bodenfahrzeuge dafür sorgen, dass auch die letzten Glutnester unschädlich gemacht werden, hilft die per Drohne gesammelte Information tatsächlich weiter. Das ist es, was ich mit neuen Konzepten und Strukturen meine. Wir müssen uns ansehen, an welchen Stellen unbemannte Systeme uns auf welche Weise helfen können. Nicht aus Selbstzweck, weil Drohnen spannend sind. Sondern weil sie unser Leben sicherer, bequemer und nachhaltiger machen können, wenn wir sie sowohl sinnvoll als auch konsequent einsetzen.