Die sicherheitspolitische Lage in Europa hat sich grundlegend verändert. Autonome und unbemannte Systeme spielen dabei eine zunehmend zentrale Rolle – von Aufklärung und Logistik bis hin zu Schutz- und Verteidigungsanwendungen. Als Interessenvertretung der deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie bündelt der Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie e.V. (BDSV) die Positionen der Branche.
Im Vorfeld der XPONENTIAL Europe sprechen wir mit dem BDSV über die strategische Bedeutung autonomer Technologien für die Verteidigungsfähigkeit Europas, über industrielle Perspektiven und über die Rolle der Messe als Plattform für Austausch, Innovation und sicherheitspolitischen Dialog.
Interviewfragen:
1. Autonome Systeme, Sensorfusion und KI-gestützte Entscheidungsunterstützung entwickeln sich rasant. Wo sehen Sie aktuell die zentralen Innovationsfelder im verteidigungsnahen Umfeld – und welche Technologien werden strategisch besonders relevant?
"Rund um Autonome Systeme, Sensorik und Künstliche Intelligenz (KI) findet sehr viel Innovationsarbeit statt. Diese Felder sind besonders relevant für die Aufklärung und auch die Vernetzung von Domänen und einzelnen Wirksystemen. Dabei spielen sichere Datenübertragung in Echtzeit und eine schnelle, zuverlässige Auswertung dieser Daten eine wichtige Rolle, um Reaktionszeiten zu verkürzen und gegnerische Handlungen besser zu antizipieren. Auch die Automatisierung von Reaktionen oder auch die Entwicklung von Schwarmtechnologien rücken ins Zentrum. Damit einher gehen aber auch höhere Anforderungen an die Sicherheit von Navigation, Kommunikationswegen und bei der Datenübertragung.
Bei der Sensordatenfusion werden die Optimierung des Energiebedarfs von Sensoren und Rechner sowie die KI-gestützte Datenfusion und Auswertung im Fokus bleiben. In derartigen Netzwerken müssen sogenannte Edge-KI Systeme möglichst autonom und mit minimalem Energieverbrauch agieren können.
Ein weiteres großes Innovationsfeld stellt die offensive wie defensive Hyperschalltechnologie dar, die in ihrer Gesamtheit höchst komplex ist, aber insbesondere angesichts der Fortschrittlichkeit anderer Länder auch in Deutschland mehr Aufmerksamkeit bekommt. Ein weiterer Megatrend ist die Nutzung von Quantensensoren und die Erschließung der Möglichkeiten zur Nutzung von Quantencomputern in militärischen Anwendungen."
2. Mit Blick auf internationale Entwicklungen: Wo steht die deutsche und europäische Sicherheits- und Verteidigungsindustrie bei autonomen Systemen im globalen Wettbewerb – und wo sehen Sie besonderen Handlungs- oder Aufholbedarf?
"Deutschland und Europa verfügen über starke industrielle Grundlagen, besonders in der Sensorik und sicheren Kommunikation sowie der Integration komplexer Plattformen. Die deutsche Industrie ist in allen Domänen mit unbemannten Systemen vertreten, nicht zuletzt durch (ehemalige) Start-Ups und Scale-Ups. Es wird auch von „skalierbarer Autonomie“ in Weltraum, Luft, Land, See und Unterwasser Plattformen gesprochen.
Im globalen Wettbewerb, vor allem gegenüber den USA und zunehmend China, besteht jedoch Aufholbedarf in Sinne einer agileren Entwicklung, bei der Integration von KI und bei einer schnellen Skalierung von autonomen Systemen. Europäische Programme sind oft fragmentiert und durch lange Beschaffungsprozesse gehemmt. Handlungsbedarf besteht daher insbesondere bei der Verständigung auf gemeinsame und praktikable Produktstandards und länderübergreifende interoperable Architekturen. Auf diesem Wege können Synergien auf europäischer Ebene bestmöglich genutzt werden."
3. Welche regulatorischen und politischen Rahmenbedingungen braucht es, um Innovation im Verteidigungsbereich gezielt zu fördern und zugleich Verantwortung, Transparenz und wirksame Kontrolle sicherzustellen?
"Notwendig sind klare, praxistaugliche Leitlinien für den verantwortungsvollen Einsatz von KI und autonomen Systemen, interoperable Standards und effizientere Beschaffungsverfahren. Dabei würde ein europäisch abgestimmter Regulierungsrahmen Fragmentierung reduzieren und gemeinsame Technologieentwicklung beschleunigen.
Außerdem müssen die Innovationszyklen beschleunigt werden. Hier brauchen wir noch mehr Pragmatismus, Risikobereitschaft und auch einen gewissen Mut zum Scheitern (Stichwort „fail fast“), um schnell aus Fehlern zu lernen und die Innovation voranzutreiben. Hierauf ist die aktuelle Regulatorik des Beschaffungssystems, einschließlich einhergehender Kontrollmechanismen durch bspw. den Bundesrechnungshof nicht ausgelegt.
Zusätzlich braucht es auch in der Forschungslandschaft mehr Planungssicherheit. Hier würden wir uns ein langfristiges Committment im Bundeshaushalt wünschen, um neben der Produktion und Entwicklung auch über einen längeren Zeitraum hinweg die Forschung in der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie stärker vorantreiben zu können. Auch hier sehen wir beispielsweise in den USA und China deutlich mehr Investitionswillen und Risikobereitschaft von staatlicher Seite."
4. Welche Rolle kann die XPONENTIAL Europe als Plattform für den Dialog zwischen Industrie, Politik und Forschung spielen – und welche konkreten Impulse möchte der BDSV dort setzen?
"Das Veranstaltungsprogramm der XPONENTIAL Europe bietet ein umfassendes inhaltliches Spektrum an Fachvorträgen, weshalb die Messe eine gute Gelegenheit bietet, den nationalen wie internationalen Diskurs zu unbemannten Systemen am Ort des Geschehens zu begleiten. Wir sehen hier reichlich Anknüpfungspunkte für den BDSV, der in den vergangenen Jahren unter anderem seine Fachbereiche zu Forschung und Innovation, neuen Technologien, Cyber und KI ausgebaut hat. Daher freuen wir uns sehr auf die Vernetzung und einen regen Austausch, der sicherlich Inspiration für die Arbeit im Verband und mit der Bundeswehr und der Amtsseite mit sich bringt. Vor Ort und stehen wir deutschen wir internationalen Ausstellern und Besuchern zur Verfügung und informieren gerne auch allgemein über unser Angebot als Wissensträger über die deutsche Sicherheits- und Verteidigungsindustrie."