Die unbemannte Luftfahrt birgt ein disruptives Potenzial für viele Bereiche unseres Lebens und ist eine der wesentlichen Zukunftsindustrien für Europa. Doch noch sind einige Hürden zu überwinden. Als bedeutendster europäischer Industrieverband setzt sich der UAV DACH im Sinne seiner mehr als 250 Mitglieder dafür ein, optimale Rahmenbedingungen für eine wachsende und global wettbewerbsfähige europäische UAS-Industrie zu gestalten. Und das seit bereits mehr als 25 Jahren.
XPONENTIAL Europe Magazin: Seit einem Vierteljahrhundert arbeitet der UAV DACH daran, dem kommerziellen Drohnenbetrieb in Europa zum Durchbruch zu verhelfen. Wie dicht sind Sie Ihrem Ziel denn schon gekommen?
Dr. Gerald Wissel: An vielen Stellen wurde eine ganze Menge erreicht. Gleichwohl wissen wir, dass es weiterhin große Herausforderungen zu bewältigen gibt. Immerhin sprechen wir über eine komplett neue Technologie, die in einem der am umfassendsten regulierten Bereiche der Welt, der Luftfahrt, reüssieren soll. Daher sind auch zahlreiche Aspekte zu berücksichtigen. Angefangen bei rechtlichen und technischen Grundlagen über die Entwicklung von Standards und harmonisierten Genehmigungsprozessen unter Gewährleistung höchster Sicherheitsanforderungen bis hin zu Fragen der gesellschaftlichen Akzeptanz. All das mit Blick auf eine enorme Vielfalt an Anwendungsbereichen. Und als ob das noch nicht komplex genug wäre, bewegen wir uns damit nicht nur auf nationaler Ebene, sondern vor allem innerhalb der EU sowie international im Rahmen der ICAO.
XPONENTIAL Europe Magazin: War es auch diese komplexe Gemengelage, die zur Gründung des UAV DACH führte? Also die Notwendigkeit, Kräfte zu bündeln, um der unbemannten Luftfahrt den Weg zu ebnen.
Dr. Gerald Wissel: Im Grunde war es genau das. Der UAV DACH ist als gemeinsamer Arbeitskreis von sechs Unternehmen entstanden, die sehr früh das enorme Potenzial unbemannter Luftfahrtsysteme erkannt haben. Man darf nicht vergessen, dass sich vor 25 Jahren nur eine kleine Fachöffentlichkeit mit dem Thema Drohnen befasste. Bis zum Beispiel die erste Spielzeugdrohne vorgestellt wurde, sollte es noch einige Jahre dauern. An all das, was wir mittlerweile an Regeln, Verfahren und Prozessen haben, war noch nicht zu denken. Es ging primär um die Herstellung und Erprobung erster Anwendungen sowie die Zusammenarbeit mit europäischen Partnern und Behörden. Im Übrigen war auch damals schon die militärische Nutzung, die derzeit ja sehr starke Wachstumsimpulse liefert, besonders im Fokus der Gründungsunternehmen.
XPONENTIAL Europe Magazin: Der grundsätzliche Bedarf, verlässliche Lösungen für die Branche zu etablieren, besteht bis heute. Und an so mancher Stelle dürfte es aus Ihrer Perspektive sicher schneller gehen. So könnten beispielsweise schon seit fast drei Jahren U-Space-Gebiete eingerichtet werden. Aber in Deutschland gibt es dafür noch nicht einmal ein Gesetz. Wie gehen Sie mit derlei Hängepartien um?
Dr. Gerald Wissel: In der UAS/AAM-Industrie sind Verlässlichkeit und Planungssicherheit – wie in allen anderen Wirtschaftszweigen – extrem wichtig. Daher begleiten wir den Prozess der U-Space-Gesetzgebung natürlich intensiv. Allerdings zeigt das Thema U-Space aus Sicht des UAV DACH vor allem exemplarisch, dass wir in Europa in Sachen Drohnen immer noch nicht „all in“ gehen. Politik und Gesellschaft müssen hier an einem Strang ziehen und schnellstmöglich die richtigen Rahmenbedingungen schaffen. Die Chancen, die diese Zukunftsindustrie bietet, sollten wir nicht so verschlafen, wie wir es in Europa bei den Themen Solarenergie und KI teilweise getan haben.
XPONENTIAL Europe Magazin: Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass die unbemannte Luftfahrt trotz des enormen Innovationspotenzials noch nicht flächendeckend akzeptiert ist?
Dr. Gerald Wissel: Wenn es einen entscheidenden Grund gäbe, würde man dem viel einfacher begegnen können. Ich denke, es gibt hier sehr viele, teilweise sehr individuelle Gründe. Früher gab es Vorbehalte gegen die militärische Nutzung von Drohnen, was sich in Anbetracht der sicherheitspolitischen Lage zuletzt geändert hat. Dann gibt es natürlich Ängste hinsichtlich möglicher Risiken, die von illegal genutzten unbemannten Systemen ausgehen könnten. Und es besteht auch weiterhin vielfach die allgemeine, wenig konkrete Sorge, mit einer Drohne ausgespäht zu werden. Gleichzeitig erleben wir jedoch, dass zunehmend die positiven Aspekte Beachtung finden, die mit kommerziell betriebenen Drohnen verbunden sind. Vielleicht auch, weil uns andere Teile der Welt vormachen, wie das gelingen kann.
XPONENTIAL Europe Magazin: Was muss passieren, damit das volle Potenzial genutzt werden kann, das Drohnen bieten?
Dr. Gerald Wissel: Die Arbeit des UAV DACH basiert auf drei Säulen: informieren, vernetzen und gestalten. Wir müssen extrem viel Aufklärungsarbeit leisten, um weiterhin bestehenden Vorbehalten zu begegnen und die vielfältigen Chancen herauszuarbeiten, die eine starke Drone-Economy für ein sicheres und resilientes Europa bietet. Das ist eine Aufgabe, die alle Stakeholder gemeinsam angehen müssen und nur im Miteinander gelöst werden kann. Plattformen wie die XPONENTIAL Europe sind dabei von entscheidender Bedeutung, um alle Player im Bereich autonomer Systeme zusammenzubringen. Daher kann ich es kaum erwarten, in Düsseldorf alle relevanten Stakeholder und Unternehmen aus ganz Europa persönlich begrüßen zu dürfen und gemeinsam mit ihnen die Zukunft unserer Branche zu gestalten.
XPONENTIAL Europe Magazin: Welches Thema werden Sie dort besonders aktiv ansprechen?
Dr. Gerald Wissel: Die verpflichtende elektronische Sichtbarkeit aller Teilnehmer im unteren Luftraum mithilfe von ADS-L-Technik ist aus meiner Sicht eine wesentliche Grundlage, um die Sicherheit im Flugbetrieb weiter zu erhöhen, einen flächendeckenden BVLOS-Einsatz von Drohnen zu ermöglichen und nicht zuletzt den Schutz sensibler Areale vor illegaler UAS-Nutzung zu verbessern. Das Thema eConspicuity wird daher definitiv viele meiner Gespräche prägen.
XPONENTIAL Europe Magazin: Neben einer solchen eher technischen Frage gibt es sicher auch noch das eine oder andere strukturelle Defizit, das es zu besprechen gilt, oder?
Dr. Gerald Wissel: Richtig, auch an dieser Stelle sind die Herausforderungen nach wie vor vielschichtig. Wir müssen in Europa im Bereich der Industrie- und Forschungspolitik dringend den Turbo zünden, um in Sachen unbemannter Systeme nicht den Anschluss an die USA und China zu verlieren. Dabei geht es nicht um Know-how oder Innovationskraft, da sind wir hierzulande nach wie vor gut aufgestellt. Es geht darum, die vielen fantastischen Ideen und Produktentwicklungen aus Unternehmen und Forschungseinrichtungen wirtschaftlich erfolgreich zu nutzen. Am Ende ist die Frage, wie wir international wettbewerbsfähig bleiben oder es wieder werden können.
XPONENTIAL Europe Magazin: Und was kann – oder muss – die UAS-Industrie tun, um diesen Prozess zu beschleunigen?
Dr. Gerald Wissel: Unsere Branche wird und muss sich in den kommenden Jahren wandeln. Zum einen wird es zu gewissen Konsolidierungserscheinungen kommen, zum anderen werden immer weiter neue Player auf dem Markt erscheinen. Und wir müssen über Themen wie sinnvolle Kooperationen und notwendige Professionalisierungen sprechen. Aus Start-ups und Ausgründungen aus dem universitären Umfeld, in denen innovative Technologien entstehen, werden Schritt für Schritt größere Unternehmen, die von der Einzelfertigung auf große Stückzahlen skalieren müssen. Mit all den Herausforderungen, die das mit sich bringt. Ein Hersteller von Drohnen wird morgen nicht auch noch den Betrieb und die Wartung übernehmen, sondern das Feld professionellen Service-Providern überlassen. Als UAV DACH setzen wir uns dafür ein, diesen Prozess zum Wohle unserer Mitglieder und der gesamten Industrie mitzugestalten. Und die XPONENTIAL Europe ist ein perfekter Ort, um diese Bemühungen voranzutreiben.
XPONENTIAL Europe Magazin: Es gibt bereits viele Bereiche, in denen Drohnen zum Einsatz kommen, zum Beispiel im Rettungsdienst oder zur Überwachung kritischer Infrastruktur. Welche Einsatzgebiete können Sie sich zukünftig noch vorstellen?
Dr. Gerald Wissel: Da brauche ich im Grunde keine große Fantasie, denn was für manche nach Science-Fiction klingen mag, ist bereits Realität. Und könnte noch stärker genutzt werden, wenn uns hier und da nicht noch die Gesetzeslage ausbremsen würde. Die Rehkitzrettung ist vielen bereits ein Begriff, aber darüber hinaus gibt es noch eine ganze Menge sinnvoller Use-Cases. Zum Beispiel die Ersatzteilversorgung auf großen Baustellen, die Sicherung von sensiblen Einrichtungen, die Lieferung von Defibrillatoren in medizinischen Notfällen, die Unterstützung von Feuerwehr- und Polizeikräften im Einsatz, die Detektion von Methangaslecks in Pipelines, die Aufforstung von Wäldern nach Stürmen, Katastrophenschutz, Bauwerksinspektionen, Wachstumsmonitoring in der modernen Landwirtschaft, Fortschrittsdokumentation bei Bauprojekten … und ich könnte die Liste auch durchaus noch weiter fortsetzen.
XPONENTIAL Europe Magazin: Diese Vielseitigkeit ist durchaus beeindruckend. Aber wäre eine größere Spezialisierung nicht sogar hilfreich, um das Profil der Technologie zu schärfen und Marktanteile schneller zu erschließen?
Dr. Gerald Wissel: Am Ende des Tages sind Drohnen ein Tool, mit dem vieles leichter, effizienter, schneller und besser erledigt werden kann. Nicht zu vergessen die Möglichkeit, dass unbemannte Systeme gefährliche Arbeiten übernehmen können, sodass Risiken für Menschen vermieden werden können. Überall dort, wo die Vorteile von Drohnen überwiegen, werden diese Anwendung finden. Letztlich geht es auch an dieser Stelle darum, durch Partnerschaften und Kooperationen neue Wertschöpfungsketten zu schaffen.
XPONENTIAL Europe Magazin: Die XPONENTIAL Europe wird 2026 um den Themenbereich „Verteidigung“ erweitert. Was versprechen Sie sich als UAV DACH davon?
Dr. Gerald Wissel: Im Grunde genommen sprechen wir über zwei Enden desselben Spektrums. Die Grenzen zwischen ziviler und militärischer Nutzung unbemannter Systeme sind fließend. Und Dual-Use-Technologien sind ohnehin per Definition in der Mitte des Spektrums angesiedelt. Was wir in Deutschland und Europa daher brauchen, ist der Austausch zwischen Industrie und Anwendern – unabhängig vom späteren Betriebsszenario. Die XPONENTIAL Europe hat vom Start weg gezeigt, dass sie als Leitmesse für autonome Systeme die ideale Plattform ist, um alle Stakeholder zusammenzubringen. Von daher ist dieser Schritt folgerichtig. Wir als Co-Host unterstützen das Ganze vollumfänglich und erwarten durchaus einen positiven Effekt auf die Entwicklung der gesamten europäischen UAS/AAM-Industrie.
XPONENTIAL Europe Magazin: Vielen Dank, Herr Dr. Wissel, für das Gespräch.