In diesem Interview gibt der neue Präsident der Alliance for New Mobility Europe (AME), Andres van Swalm, Einblicke in die Chancen und Herausforderungen der Branche. Das Ziel: Einen europäischen Markt für alle Akteure der Luftmobilität schaffen – ob Anbieter oder Nutzer, privat oder öffentlich – mit klarem Fokus auf die Integration von UAVs und VTOLs in die Luftfahrt. Wir haben mit dem neuen AME-Präsidenten Andreas van Swalm über Chancen, Hürden und die Zukunft gesprochen.
Herr van Swalm, wo stehen wir in Europa aktuell bei Regulierung und Marktentwicklung für Drohnen?
Europa hat in den letzten Jahren wirklich große Schritte gemacht. Mit den Verordnungen EU 2019/947 und EU 2021/664 gibt es einen harmonisierten Rahmen, der Sicherheit und Innovation zusammenbringt. Die erste Regelung ist risikobasiert und unterscheidet klar: Eine kleine Drohne mit einem Kilo, die am Flughafen Vögel vertreibt, ist eben nicht das Gleiche wie ein 1.000-Kilo-Transporter, der in menschenleeren Regionen Pakete ausliefert. Das macht Sinn – ist aber auch komplex. Viele Länder legen Risikoanalysen noch unterschiedlich aus, und die Behörden müssen sich erst in die Thematik einarbeiten. Die Drohnenbranche wächst rasant, viel schneller als die bemannte Luftfahrt damals. Deshalb brauchen wir mehr Harmonisierung, Digitalisierung und Automatisierung in den Verfahren.
Für Flüge mit höherem Risiko kommt die U-space-Verordnung ins Spiel. Sie schafft erstmals einen Wettbewerb bei Verkehrsdienstleistungen für Drohnen – etwas, das es in der bemannten Luftfahrt so nicht gibt. U-space-Zonen, vergleichbar mit Kontrollzonen für Flugzeuge, sollen in sensiblen Bereichen für klare Regeln und mehr Sicherheit sorgen. Die Vorschriften sind visionär, aber die Umsetzung geht langsam voran. EASA und Mitgliedstaaten haben oft zu wenig Personal. Deshalb ist es so wichtig, dass Industrie, Behörden und Verteidigung enger zusammenarbeiten.
Die U-space-Verordnung gilt seit Januar 2023. Warum gibt es noch keine produktiven U-space-Lufträume?
Ganz einfach: Es ist kompliziert. Die Regeln zu haben, ist das eine – sie umzusetzen, ist das andere. Dafür müssen viele Zahnräder ineinandergreifen, und es fehlt oft an Ressourcen. Trotzdem tut sich etwas: Projekte wie BURDI in Belgien oder U-ELCOME in Spanien und Italien bringen Behörden und Industrie an einen Tisch. Sie zeigen, wie man Drohnen sicher und im Einklang mit den EU-Vorgaben in den Luftraum integriert.
Bevor U-space offiziell eingerichtet werden kann, braucht es angepasste Systeme, abgeschlossene Zertifizierungen und eine fundierte Risikobewertung für den jeweiligen Luftraum. Best Practices gibt es noch nicht – die entwickeln wir gerade erst. Spanien und Belgien sind schon weit und wollen Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres startklar sein. Solche Projekte müssen wir in ganz Europa vervielfachen.
Welche Vorteile hat es, zivile und militärische Strukturen stärker zu verzahnen?
Vor allem: Effizienz, Sicherheit und Innovation. Viele Technologien, die wir heute selbstverständlich nutzen, stammen ursprünglich aus dem Militär – GPS ist nur ein Beispiel. Im Luftraum kommen wir ohnehin nicht aneinander vorbei. Zivile und militärische Drohnen teilen sich denselben Himmel. Deshalb ist es sinnvoll, Prozesse und Systeme so zu gestalten, dass sie miteinander kompatibel sind. Sie müssen nicht identisch sein, aber sich in wichtigen Punkten annähern – das reduziert Konflikte, erhöht die Übersicht und bringt beiden Seiten Vorteile.
Wird die europäische Drohnenbranche durch fehlende Finanzierung ausgebremst?
Finanzierung entscheidet, wie schnell wir von der Theorie in die Praxis kommen. Wir haben den Rahmen, wir haben gute Pilotprojekte – jetzt geht es darum, das großflächig umzusetzen. Die NATO-Empfehlung, fünf Prozent des BIP in Verteidigung zu investieren, davon 1,5 Prozent in sicherheitsrelevante Bereiche, ist eine Chance. Drohnen fallen klar darunter. Wenn wir einen Teil davon für Dual-Use-Systeme und eine bessere Integration von zivil und militärisch einsetzen, beschleunigen wir nicht nur den Fortschritt, sondern stärken auch Sicherheit und Widerstandsfähigkeit.
Die Technologie ist da, die Regeln sind da, der Markt wächst – mit kluger Finanzierung kann Europa vom Vorreiter in der Regulierung zum Weltmarktführer in Drohnenoperationen werden.
Was möchten Sie mit der stärkeren Einbindung des Verteidigungsbereichs in die XPONENTIAL Europe erreichen?
Mir geht es darum, eine echte Brücke zwischen den beiden Welten zu bauen. Zivil und militärisch stehen oft vor denselben Herausforderungen – geteilte Lufträume, hybride Bedrohungen – und haben oft auch die gleichen Chancen. Die XPONENTIAL Europe bringt beide Seiten zusammen. Hier können wir Wissen teilen, Prozesse angleichen und Innovationen schneller auf die Straße – oder besser gesagt: in die Luft – bringen, die beiden Bereichen nutzen.
Interview: Sonja Buske